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„Sharely ist eine Lebenseinstellung"

Von Gunda Bossel am 07. Februar 2017
Als sich die Tür öffnet, strömt mir ein herzliches Lächeln und feiner Kaffeeduft entgegen. In der Küche steht eine erstklassige Kaffeemaschine - und wie eine professionelle Barista bereitet mir meine Gastgeberin einen köstlichen Cappuccino zu. „Die Maschine wird von meinem Mann gepflegt und gehegt und ich geniesse einfach den guten Kaffee“, sagt sie lachend, „wir teilen sie uns – das ist sozusagen unser persönliches Sharing“.

Bei Andrea fühlt man sich sofort wohl. Ihre Wohnung ist ein Altbau-Traum, direkt hinter dem Schaffhauserplatz in Zürich. Hier sieht es aus, wie in einem Wohnmagazin: Vintage trifft auf nordisches Design. „Wo hat sie in dieser schicken und luftigen Umgebung nur all ihre Sharely-Objekte?", wundere ich mich? „Überall versteckt!“ meint die 32-Jährige grinsend, und zaubert aus ihrem Küchenschrank eine orange Dörrmaschine, zeigt mir einen Joghurtbereiter, eine tolle Küchenmaschine und weitere Utensilien. „Viele Dinge habe ich im Keller deponiert, immer sauber und gewartet, damit sie bei kurzfristigen Mieten auch sofort verfügbar sind“ erklärt sie mir und sagt, dass ihre Besitztümer nun stets viel besser im Stand sind, als früher. Einerseits durch eine häufigere Benutzung, andererseits durch das Bewusstsein, dass sie jederzeit jemand ausleihen könnte, und sie diese stets in einem Top-Zustand vermieten möchte.

„Sharely ist die Legitimation, Dinge zu behalten, die man nur selten benutzt, aber auf keinen Fall weggeben möchte. Ich habe an diesen Sachen Freude und möchte sie behalten, auch wenn ich sie selten brauche. Aber dafür kann ich sie ja zwischendurch vermieten.“ 

                              Andrea Sharely  

Andrea überlegt inzwischen zweimal, ob sie sich etwas kaufen soll, oder es lieber günstig ausleiht. Darum werden Wohnung und Keller auch nicht voller. Der Win-Win-Effekt liegt auf der Hand – und ist in allen Räumen spürbar.

Ganze 45 Objekte vermietet Andrea seit dem Sommer 2014, als sie von Sharely erfahren hat. Und dabei dreht sich nicht alles um Küchenmaschinen - sondern auch um Werkzeugsets, einen hochwertigen Velolastenanhänger, um Campingausrüstungen, tolle Travel-Bags, und sogar einen Metalldetektor.

„Den habe ich mir mal gekauft, nachdem ich meinen Ehering im Schrebergarten verloren habe und monatelang nicht fand“

erklärt sie diesen etwas 'speziellen Kauf'. Dank ihm hat sie den Ring tatsächlich in einem Beet wiedergefunden. „Nun vermiete ich den Detektor, für alle die auch nach etwas suchen“. Mir kommt sofort mein Silber-Ring in den Sinn, welchen ich im Herbst beim Umgraben verloren habe...

„Die Option lokal etwas mieten zu können muss erst im Gedächtnis sein. Ich weiss das ich bestimmte Objekte für den Tag X – an welchem ich sie brauche - in der Nachbarschaft mieten kann und werde sie so gar nicht erst kaufen“

ist Andreas Erfahrung. Wegen dem Detektor weiss ich jetzt Bescheid und nehme mir vor, im Frühling meinen Garten damit abzusuchen. Bei einer Tagesmiete von 6 Franken kann ich nur gewinnen - denn wer weiss, was sich unter der Erde noch so alles findet...? Andrea wohnt mit den Öv’s nur 15 Minuten von mir entfernt - und für solche ‚spezielle Objekte’ fahre ich gerne schon mal etwas weiter durch die Stadt.

Auf „Tag X" kann man sich bei Sharely übrigens dank der Funktion 'einfach stöbern' gut vorbereiten, hier werden einem alle verfügbaren Objekte, sortiert nach der Distanz zum eigenen Wohnort, angezeigt. Und wenn man etwas nicht findet, kann man einfach eine Suchanfrage starten - vielleicht hat es ja jemand?

„Vieles ist in nächster Nähe vorhanden. Die grundsätzliche Frage lautet für viele Menschen wohl, ob sie ihren Nachbarn genügend vertrauen um Objekte teilen zu können" sagt sie nachdenklich. "Wir selber machen den Unterschied, wohin es mit unserer Welt geht. Ich wünsche mir eine achtsamere Gesellschaft, weniger unnötigen Konsum, keine Kinderarbeit und bessere Löhne und Umweltstandards in den Ländern welche die meisten unserer Konsumgüter produzieren." Und wirft dann noch ein: 

„Ich möchte meinen kleinen Beitrag zu dieser Veränderung beisteuern. Teilen ist hier nur ein Aspekt, aber für mich ein guter und machbarer Start."

Die Mieter gehen grundsätzlich sehr sorgfältig mit den Dingen um – es fällt den Leuten schwer, etwas dreckig oder kaputt zurückzugeben, wenn der Kontakt persönlich ist. Nur einmal hat Andrea eine schlechte Erfahrung gemacht: ihr Schlitten wurde defekt retour gebracht. Dies bereits bei ihrer zweiten Vermietung. „Kurz hat sich in mir alles blockiert und ich habe mich gefragt, warum ich das mache“, erinnert sich Andrea, „aber von Sharely habe ich meinen Schlitten zurückerstattet bekommen, was mir bestätigt hat, dass ja eigentlich nichts passieren kann. Die problemlose Abwicklung des Schadenfalls hat mich dann sogar bestärkt, weiterhin auf der Sharing-Welle zu reiten. Und seitdem hatte ich nur noch positive Erfahrungen: dankbare und freundliche Leute, nette Grusskarten und kleine Präsente bei der Rückgabe, obwohl ich das gar nicht erwarte, der Mietpreis ist ja eigentlich schon fixiert und wäre Dank genug.“ 

Inzwischen ist ihr Vertrauen in die Sharely-Community so gewachsen, dass sie gewisse Objekte einfach im Milchkasten bereitstellt oder retour bringen lässt.

„Je grösser die Flexibilität von mir als Vermieter, umso mehr wird gemietet“, spricht sie aus Erfahrung, „viele Leute sind froh, wenn sie Dinge zu ‚Unzeiten’ abholen und retour bringen können.“

Wir kommen auf unsere Schrebergärten zu sprechen. Andreas wunderschöner Garten liegt oben am Hönggerberg. Der Zusammenhalt und Austausch zwischen den Gärtnern ist gross – und so auch der Bestand an Gartengeräten. Ich erzähle Andrea von den Tauschcommunities, welche wir mit Sharely neuerdings bilden können: örtlich vernetzte Menschen bilden ‚Tauschgruppen’ und teilen untereinander ihre Objekte. Innerhalb dieser Gruppen verfolgt man dieselben Interessen und kann sich auch sozial austauschen, sich Tipps geben und gegenseitig helfen. Beim Gärtnern zeigt sich doch immer wieder: die Erfahrung macht’s – und das Wissen der älteren Generationen ist sehr wertvoll und sollte nicht verloren gehen.

„Da könnte man dann ja saisonal sogar Setzlinge, Samen, Gemüse und Früchte tauschen?“

fällt Andrea auf, „denn meistens hat man immer zu viel von einer Sorte, wenn sie dann reif ist“. Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Auch baut man nicht alle Sorten selber an und nicht in allen Gärten wachsen Obstbäume. Eine tolle Idee, finde ich – sie zeigt mal wieder: der Fantasie in der Sharing-Economy sind (fast) keine Grenzen gesetzt.

„Sharely ist eine Lebenseinstellung. Es braucht etwas Überwindung, sein Konsumverhalten zu ändern und persönliches Eigentum mit Anderen zu teilen. Aber für die Zukunft, die ich mir wünsche, macht Teilen einfach Sinn. Ganz nach dem Motto: zusammen haben wir alles!“ 

Die Uhr tickt. „Was meinst du, ob jemand wohl gerne diese Vintage-Tortilla-Presse aus Mexiko ausleihen würde?" überlegt sie noch und zeigt mir ihre neuste Trouvaille. Ich finde: „tolles Ding, ja, unbedingt!" Und Andrea lädt sie noch gleichtags bei ihren Objekten auf Sharely hoch. 

Zum Abschied schenkt sie mir noch Glasmais-Samen für den Garten. Sie sind wunderschön und schillern in allen Farben, ich bin fasziniert. Wenn der Mais reif ist, werde ich Andrea zum Grillieren nach Albisrieden einladen - und  bei der Gelegenheit vielleicht gleich auch ihren Detektor mieten. 

                                             

 

2 Kommentare zu "„Sharely ist eine Lebenseinstellung""
  • Von Dana am 05.MÃrz 2020

    Sharely - coole Idee, echt. Kann es sein, dass ich Euch mal bei Höhle der Löwen gesehen hab?

    Hallo Dana. Genau, wir waren mal bei den "Löwen", hier gibts den Beitrag auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=I95_8wweim4
  • Von Danny Arielli am 17.Juli 2020

    Schade das ihr "nur" eine versicherte Höchstsumme von 3000.- CHF habt. IMO ist das etwas zu wenig denn so werden sicher auch einige Dinge nicht angeboten die an sich noch interessant wären. Jedenfalls geht es mir so.

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